Das Konzert ist einem einzigen Thema gewidmet – dem Belcanto. Wir richten unser Augenmerk auf die drei herausragendsten Komponisten dieser Richtung: Bellini, Rossini und Donizetti.
Erinnern wir uns daran, was Belcanto überhaupt bedeutet. Aus dem Italienischen übersetzt heißt es „schöner Gesang“. Ursprünglich bezeichnete dieser Begriff eine besondere Gesangstechnik – Leichtigkeit und Flexibilität der Stimme, die Fähigkeit, lange Phrasen zu führen und virtuose Passagen zu singen, während dabei auf jedem Ton die Schönheit des Klangs erhalten bleibt. Das Hauptziel des Belcanto ist nicht Kraft oder Lautstärke, sondern die Schönheit des Klanges.
Mit der Zeit wurde Belcanto nicht mehr nur eine Technik, sondern ein ganzer Opernstil des 19. Jahrhunderts. Klare, gesangliche Melodien und einfache Formen kennzeichnen diesen Stil, dessen Mittelpunkt immer die Stimme ist. Das Orchester begleitet mehr, als dass es dominiert – das ganze Drama entfaltet sich in der gesanglichen Linie. Bellini schuf endlos fließende Melodien, Rossini glänzte mit Rhythmus und Virtuosität, und Donizetti vermochte es, durch die Stimme feinste menschliche Gefühle auszudrücken. Heute haben wir erlebt, wie jeder von ihnen auf seine Weise die Idee des „schönen Gesangs“ verkörperte und warum Belcanto schon seit zwei Jahrhunderten von Zuhörern so geliebt wird. Wir haben uns nicht an eine strenge Chronologie gehalten, sondern unsere eigene Dramaturgie geschaffen, verschiedene Facetten der Musik miteinander verbunden. Dennoch hat sich herausgestellt, dass das Hauptthema des Abends die Liebe ist. Ja, ein ewiges Thema – doch gerade sie stand immer im Zentrum der Oper und hat Komponisten in allen Zeiten inspiriert.
Gaetano Donizetti
„Prendi, per me sei libero“
Arie der Adina aus der Oper „L’elisir d’amore (Der Liebestrank)“
Die stolze Bäuerin Adina verhält sich im Verlauf der ganzen Oper ein wenig spöttisch und neckt den einfältigen Nemorino, ohne ihn wirklich ernst zu nehmen. Doch alles ändert sich, als sie erfährt, dass er ihretwegen zur Armee gegangen ist und bereit ist, das Dorf zu verlassen. In der Arie „Nimm, ich schenke dir die Freiheit“ gibt Adina ihm den abgelösten Vertrag zurück und bittet ihn, nicht zu gehen. In ihren Worten liegt noch kein direktes Bekenntnis, aber ihre Tat zeigt deutlich: Die Angst vor der Trennung und das neu erwachte Zartgefühl haben ihre Einstellung zu dem jungen Mann verändert.
Vincenzo Bellini
„Eccomi, in lieta vesta... Oh! quante volte“
Szene der Giulietta aus der Oper „I Capuleti e i Montecchi“
In dieser Szene erscheint Giulietta im Hochzeitskleid. Es sollte eigentlich ein Symbol der Freude sein, doch für sie ist es das nicht: Sie fühlt sich wie ein Opfer, das zum Altar geführt wird, denn sie wird gegen ihren Willen verheiratet. Trotzdem bringen ihr die Gedanken an Romeo Freude und Hoffnung. Giulietta betet und träumt von einem Wiedersehen mit ihm, wenigstens im Traum.
Gaetano Donizetti
„Convien partir“
Arie der Maria aus der Oper „La fille du régiment (Die Regimentstochter)“
Maria ist zusammen mit den Soldaten eines französischen Regiments aufgewachsen, die für sie zur Familie wurden. Doch eines Tages tauchen ihre leiblichen Verwandten auf, und das Mädchen muss ihr gewohntes Leben verlassen und sich einer Welt strenger aristokratischer Regeln stellen. In der Arie „Es ist Zeit zu gehen" verabschiedet sie sich von den Soldaten. Ihre Worte drücken sowohl den Schmerz des Abschieds als auch die Dankbarkeit gegenüber denen aus, die seit ihrer Kindheit an ihrer Seite waren.
„Al dolce guidami“
Szene der Anna aus der Oper „Anna Bolena“
Anna Boleyn wird zu Unrecht des Verrats beschuldigt. Ihr Ehemann, König Heinrich VIII., hat sich in eine andere Frau verliebt. Anna wird ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt. In Verzweiflung und geistiger Umnachtung wendet sie sich an ihre Zofe und bittet, sie dorthin zurückzubringen, wo sie einst glücklich war: in ihre Heimat, an den Ort ihrer Jugend und ersten Liebe, die sie dem Thron zuliebe verloren hat.
Vincenzo Bellini
„Ah, non credea mirarti“
Arie der Amina aus der Oper „La sonnambula“
Das Thema Untreue ist in der Oper häufig, doch im Fall unserer nächsten Heldin ist das Ende die Geschichte viel glücklicher. Für Sie erklingt nun Aminas Arie aus Bellinis „Die Nachtwandlerin“. Amina ist die Pflegekind der Müllerin. Sie leidet an Schlafwandel, aber niemand weiß davon. Eines Nachts wird sie im Zimmer eines Gastes entdeckt und deshalb zu Unrecht des Ehebruchs bezichtigt. In der Arie „Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell verwelkt zu sehen, o Blume...“ singt Amina im Schlaf. Vor ihr liegt die verwelkte Blume, ein Geschenk ihres Geliebten, und das Mädchen denkt, dass er sich von ihr abgewendet hat.
„Vaga luna che inargenti“
Arie da camera
In dieser Arietta wendet sich der Held an den Mond und teilt ihm seine Gefühle mit. Der Mond ist der einzige Zeuge seiner Liebe und Sehnsucht zur fernen Geliebten. Er bittet ihn, ihr zu sagen, dass Trennung den Schmerz nicht nimmt und dass er jeden Tag in Erwartung eines Wiedersehens lebt. Bellinis Musik ist hier sehr einfach und lyrisch. Es handelt sich nicht um eine dramatische Szene, sondern um ein stilles und aufrichtiges Liebesbekenntnis, ausgedrückt in einer schönen Melodie.
Gioachino Rossini
„Assisa al piè d’un salice“
Szene der Desdemona aus der Oper „Otello“
Desdemona befindet sich in ihrem Zimmer und ahnt ihr Schicksal. Um sich abzulenken, singt sie das traurige „Weidenlied”, das zum Symbol unerwiderter und unglücklicher Liebe geworden ist.
Zum Abschluss des Konzerts erklang noch ein weiteres Werk von Rossini:
Arietta „La pastorella delle Alpi“ aus dem Zyklus Soirées musicales
Im Gegensatz zu den vorangegangenen dramatischen Szenen ist dieses Stück voller Licht und Freude. In diesem Lied kokettiert die Schäferin und besingt die Reize der Verliebtheit. Hier gibt es kein Leid und keine Tragödien – im Gegenteil, Rossinis Musik vermittelt Frische, Leichtigkeit und Harmonie mit der Natur. Wir wollten unseren Abend mit der Erinnerung abschließen, dass die Liebe uns nicht nur Prüfungen bringt, sondern auch die schönsten Gefühle, die unser Leben hell und reich machen.